Von Sabine Reiner
Wirtschaftswachstum ist einerseits ein klar definierter Begriff der Wirtschaftswissenschaften, andererseits ein ideologischer Kampfbegriff: Wer sich nicht vorauseilend von Wachstum distanziert, gilt als Betonkopf, weil Wachstum mit Ressourcenverbrauch und -schädigung gleichgesetzt wird. Übersehen wird dabei, dass auch „Null-Wachstum“ oder sogar wirtschaftliche Schrumpfung mit zunehmender Schädigung der Umwelt verbunden sein können, dann nämlich, wenn sich Produktionsstrukturen verschieben. Deshalb kommt es darauf an, was wächst oder schrumpft.
Bei Wachstum entstehen in den Köpfen der Menschen als erstes Bilder von rauchenden Schornsteinen, lauten Fabrikhallen, von Fließbändern und von Handwerkern bei der Arbeit. Selten denkt jemand bei Wirtschaftswachstum an kleinere Kita-Gruppen, Altenpflege, die mehr Zeit für Zuwendung lässt, oder auch an die wachsende Wellness-Branche.
Im engeren ökonomischen Sinn beschreibt Wirtschaftswachstum die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts in einem bestimmten Zeitraum, also der Summe aller für den Austausch hergestellten Güter und Dienstleistungen, gemessen in Geld. Die Wirtschaft wächst, wenn mehr Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden, sie wächst auch, wenn viel Geld für die Folgen von Unfällen oder die Bekämpfung von Umweltschäden ausgegeben werden muss. Die Wirtschaft wächst, so verstanden, aber nicht, wenn ich zuhause Marmelade einkoche oder wenn in einem Betrieb die gleiche Anzahl von Produkten in einer kürzen Zeit hergestellt wird und dadurch alle mehr Freizeit haben.
Unbestritten ist, dass energie-, ressourcen- und emissionsintensives Wachstum an Grenzen stößt. Die Vergangenheit hat aber auch gezeigt, dass materielle Bedürfnisse mit zunehmender sozialer Sicherheit und gesellschaftlichem Wohlstand in den Hintergrund treten. So zum Beispiel in gewerkschaftlichen Kämpfen für Arbeitszeitverkürzung und Einfluss auf Arbeitsinhalte. Diese Kämpfe sind aber viel schwieriger zu führen, wenn die Angst vor Arbeitsplatzverlust für viele in den Vordergrund rückt.
In einer solchen Situation befinden wir uns seit Jahren. „Die Wirtschaft“ ist vor der Krise zwar gewachsen und wächst auch jetzt wieder. Gleichzeitig wuchs und wächst aber auch die Anzahl der Menschen, die elementare Bedürfnisse – essen, wohnen, nicht frieren – nicht oder nicht ausreichend befriedigen können. Von Bedürfnissen nach Anerkennung in Gesellschaft oder Beruf, Bildung, Kultur gar nicht erst zu reden. Um solche Bedürfnisse zu befriedigen, sind Arbeitsplätze für mehr Menschen und gute Einkommen notwendig. Nötig wären Investitionen in vielen gesellschaftlichen Bereichen: in Bildung und Betreuung, Gesundheit und Pflege, Kultur und Freizeit, Umweltschutz und ökologische Modernisierung. Genau das aber schafft Wachstum.
Es mag sein, dass auch ein solches sozial-ökologisches Wachstum irgendwann an seine Grenzen stößt. Dass für die Menschen per Saldo der Wert zusätzlicher Freizeit höher ist als der dringende Bedarf an mehr privatem oder öffentlichem Konsum, an mehr Gütern, Dienstleistungen oder öffentlichen Angeboten. Es wäre schön, dieses Problem zu haben. Jetzt haben wir es nicht.
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Abstract zum Auftaktpodium beim Kongress „Jenseits des Wachstums“ (Mai 2011)
Ausschreibung von zwei Promotionsstipendien der Rosa-Luxemburg-Stiftung Fragen sozial-ökologischer Transformation und sozialer Reproduktion bilden derzeit einen Arbeitsschwerpunkt der Stiftung. Die wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstände der zu fördernden Promotionsvorhaben sollten schwerpunktmäßig in Europa bzw. in Lateinamerika liegen und globale Fragen ausgehend von diesen beiden Kontinenten in den Blick nehmen. Denkbare Beispiele wären Komplementaritäten des Ressourcen-Extraktivismus in Lateinamerika mit einer auf [...]
Wer produziert, muss auch die Möglichkeit haben, seine Arbeitskraft zu reproduzieren. Unser heutiges Leben in einer westlichen Gesellschaft untersteht der Logik des Kapitalismus. Ist es da nicht folgerichtig, auch den Reproduktionsaspekt des Alltags in das ökonomische System einzugliedern? Die Antwort auf diese Frage lautet meiner Meinung nach: nein, und zwar aus folgenden Gründen: Bis vor wenigen [...]
„Weiter wie bisher“, lautet das Motto der herrschenden Politik, gerade auch in Deutschland. Die dominante öffentliche Diskussion und Politik inszeniert sich als Sachzwang-Politik – Anpassungsleistungen an die angeblich alternativlose Austeritätspolitik sind andernorts zu erbringen. Dass Menschen verarmen, von unten nach oben umverteilt wird und soziale Rechte und Demokratie abgebaut werden, sei nur vorübergehend, wird [...]